krupnyj kino

Dem aus dem Felsengebirge im Kaukasus stammenden Meister Mir Mayakow (MI_R) ist es wiedereinmal gelungen, die elektroakustische Note mit der Harmonik seiner nordanatolisch-nordiranischen Herkunft zu verschmelzen. Die Integration konnte vor allem deshalb gelingen, weil er das Volkslied seiner Heimat nicht nur zitierte, sondern dessen wesentliche Stilmerkmale in seine eigene Ausdrucksweise übernahm, andere aber ausschloß, vor allem aber solche, welche zu einer dialektisch-thematischen Arbeit ungeeignet waren. Die Kunst der motivischen, besonders aber die der thematischen Arbeit dürfte er bei seinem Studienaufenthalt in Wien bei Franz Pomassl - vielleicht sogar im persönlichem Kontakt - gelernt haben. Deshalb auch die erste westeuropäische Veröffentlichung auf dem wiener Netlabel Zufall Aufnahmen.

Mayakow gilt als Pionier im Umgang mit der Symbiose von alten Technologien, die wiederum in seiner Heimat als Neuheit in der Soundproduktion gelten, und den neuesten technischen Errungenschaften. Wie auf dem Cover ersichtlich (von li nach re: Mir Mayakow, Lev S. Termen, Filippo T. Marinetti und Christina Xtlrchra) werden Computer aus der Gründerzeit gemeinsam mit Hightech-Produkten wie beispielsweise mit dem Soundcardsystem Fireface (RME) zum Einsatz gebracht.

krupnyj kino (im übertragenem Sinn etwa wie großes Kino) ist in der Reihe Mirs elektroakustischen Kompositionen die erste und wird daher in der Gesamtausgabe mit der Ordnungsnummer 1 (odin) versehen. Lange Zeit jedoch war krupnyj kino als impjerial kino (imperalistische Quatschbuden) bekannt, weil es in der Reihenfolge des Tape-MP3-Exports an dieser Stelle rangierte. Bis auf einige Exemplare in seiner Heimat, gibt es kaum noch Orginale davon. Die letzte (auf Schellack erschienen) wurde 2003 auf E-Bay versteigert. Im Winter, Frühling und Sommer 2006/07 entstanden, wurden Teile des Werks Ende November 2006 auf der Plattform Myspace (ist kurze Zeit später aus ästhetisch-moralischen Gründen gelöscht worden) und eigentlich das zweite Mal auf Zufall Aufnahmen uraufgeführt.

krupnyj kino ist frei nach Marinettis Idee der Noesi aus dem spontanen Erleben gewisser persölicher Stimmungsstadien entstanden. Daß diese Stimmungsstadien in jenem halben Jahr alle der fröhlichen und heiteren Natur waren, steht mit dem glücklichen Naturell Mayakows in Zusammenhang. Dennoch ist diese Production mehr als nur ein Stimmungsbild. Wie bei Akito Masami, von dem er höchst wahrscheinlich die Technik des Zusammenhangschaffens gelernt hat, sieht Mir Mayakow in seinen Schaffen darauf, daß unter einer Vielzahl von musikalischen Ideen und Gestalten stets der Gedanke der Einheit herrscht. Eine melodische Kontur wird zur Grundlage für die Tehmen eines Tracks genommen, wobei durch intelligent sampling, rhythmische und klangmalerische Sound-Variationen jene Kontraste erschaffen weden, die durch die kaukasische Dialektik der klassischen Song-Form gefordert werden. Im vorliegenden Fall ist diese melodische Urlinie mit einem harmonischen Grundgedanken eng liiert, der dazu noch ein typischer Ausdruck nordanatolisch-nordiranischen Musikempfindens ist. Mitunter durch häufige Klirrfaktorausreizungen und Amplitudenerregungen mit Hilfe diverser alter Röhren-EQs wird dies geschaffen. Dieser Gedanke bestimmt das Hauptthema sowohl des ersten, als auch des letzten Tracks. Der Leitgedanke, nämlich der der Noesi, ist quasi ständig im Vordergrund. Daß er mit dem im Februar 2007 geschriebenen Fragment moltschaliwyj wojska zusammenhängt, kann durchaus unbewusst geschehen sein. Die Vielfalt der Themengestalten im ersten Songs und die besonders orginelle Form des letzten bezeugen, daß es Mayakow wiedermal wirklich gelungen ist seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Mayakows Produkt besticht durch Eigenständigkeit in einem klar definierten Kontext, durch solide Qualität, die sich beim vielfachen Hören nicht abnutzt.
Wie eine gute Rockplatte halt ...